Kann man sagen, dass die körperliche Belastung in den Play-offs nochmal deutlich höher wird - oder ist eher die mentale Belastung der entscheidende Faktor?
"Ja absolut. Teams haben weniger Zeit zur Regeneration und spielen teilweise zwei Spiele in 48 Stunden, was an körperliche Belastungsgrenzen führt. Darüber hinaus kommt der hohe mentale Druck dazu. Es geht darum, vor allem die Heimspiele mit den Fans im Rücken zu gewinnen und um dann nach fast neun Monaten Saison, schließlich erfolgreich um die Deutsche Meisterschaft zu spielen."
Gibt es feste Abläufe an Spieltagen oder verändert sich vieles je nach Gegner und Serie?
"Das hängt natürlich vom Trainer und seinen aktuellen Philosophien für das entsprechende Spiel ab, was die Einstellung der Mannschaft betrifft.
Wir in Bonn haben feste Routinen, die meist unabhängig vom Gegner am Spieltag abgerufen werden. Dazu gehören individuelle taktische Anweisungen für Offensive und Defensive. Dazu kommen individuelle Routinen, bei denen sich jeder Spieler auf seinen Körper konzentriert.
Bei Heimspielen haben wir natürlich andere Abläufe als bei Auswärtsspielen, wo wir als Team im Hotel sind. Dort gibt es feste Essenszeiten oder Spieler teilen sich ein Hotelzimmer. Man verbringt als Team einfach deutlich mehr Zeit zusammen als zuhause und es fehlen teilweise die Abwechslungen, die man zu Hause hat, was den psychischen Druck erhöht."
Wie unterschiedlich gehen Spieler mit der besonderen Drucksituation um?
Gibt es eher die "Tunnel-Spieler"?
Oder brauchen manche bewusst Lockerheit und Ablenkung?
"Das ist natürlich von Team zu Team und von Spieler zu Spieler unterschiedlich, dazu kommen kulturelle und Altersunterschiede. Gerade ältere, erfahrene Spieler neigen eher dazu, Tunnelspieler zu sein. Darüber hinaus suchen sie eher uns Therapeuten auf, teilweise auch einfach um zu Reden. Über Familie, Weltgeschichte oder Dinge außerhalb des Basketballs, um sich abzulenken. Die jüngeren versuchen eher über Musikhören und andere Medien sich zu balancieren."
Du arbeitest seit zwei Jahrzehnten mit Profis zusammen. Welche Veränderungen siehst du heute im Bereich Recovery und Regeneration im Vergleich zu früher?
"Das ist eine sehr gute Frage. Die Antwort darauf ist sicher nicht ganz unumstritten. Natürlich ist Regeneration, vor allem nach den Spielen das Wichtigste. Und wie jemand regeneriert, ist immer individuell. Entsprechend versuchen wir in Zusammenarbeit mit den Spielern für jeden die besten Abläufe zu ermöglichen. Eines ist jedoch ganz klar: Schlaf und Ernährung sind elementar und die wichtigsten dabei. Wenn das nicht die Basis ist, dann helfen auch keine anderen Maßnahmen."
Welche Rolle spielen heutzutage Recovery-Tools wie Recovery Boots, Massage Guns, Kälteanwendungen oder Mobility Routinen in den Play-offs?
"Wir als Medical Team der Telekom Baskets Bonn bieten natürlich all diese Tools den Spielern an, die dann in Absprache mit dem medical Team gezielt und individuell eingesetzt werden. Auch haben wir sogar eine mobile Eistonne auf den Auswärtsfahrten dabei, um Entzündungen, Belastungsreaktionen und Beschwerden bestmöglich zu reduzieren."
Gibt es Spieler, die extrem professionell auf ihren Körper achten - und andere, die man manchmal eher bremsen muss?
"Gerade ältere, erfahrene Spieler neigen eher dazu, auf ihren Körper zu hören und mehr in ihren Körper zu investieren, während die jungen „Wilden“ eher mal weniger investieren und man sie dazu noch mehr anhalten muss, um ihre Zeit im Spitzensport zu verlängern."
Wie wichtig ist Schlaf in dieser Phase wirklich? Und merkt man Spielern direkt an, wenn Regeneration oder Schlaf nicht optimal waren?
"Studien zeigen, Schlaf ist elementar. Ohne Schlaf kann der Körper niemals richtig in die mentale und physische Regeneration kommen. Schlafmangel macht sich häufig im Spiel
darin bemerkbar, dass diese Spieler mehr Fehler machen oder dazu neigen, „unnötige“ Fouls zu begehen, was jeden Trainer dann zur Weißglut bringt."
In den Play-offs geht es oft Schlag auf Schlag. Wie schwierig ist es, kleinere Beschwerden oder Überlastungen unter Kontrolle zu halten?
"Die Play-offs sind die heißeste Phase der Saison. Kleine Beschwerden hat in dieser Zeit fast jeder Spieler und wie oben schon beschrieben, versuchen wir diese so gut wie möglich zu therapieren. Das Gute in dieser Zeit ist, es kommt durch den „positiven“ Stress zu Hormonausschüttungen und die Spieler setzen zusätzliche Energie frei. Sie sind dann eher bereit auch mal die extra Meile zu gehen und vermehrt auf die Zähne zu beißen."
Welche Rolle spielt Kommunikation zwischen Trainerteam, Athletik, Physios und Spielern?
"Kommunikation ist extrem wichtig und das nicht nur in den Play-offs. Bei den Telekom Baskets setzen wir auf gutes Teamwork, denn nur dann funktioniert es im Team und bei den Spielern."
Fans sehen oft nur den Tip-off. Wie sieht ein typischer Arbeitstag für dich an einem Play-off-Spieltag tatsächlich aus?
"In der Regel haben wir an späten Abendspielen (18:30, 20:00 oder 20:30 Uhr) ein sogenanntes Anschwitzen am späten Vormittag, Dazu gehört ein sogenannter „shoot around“, bei dem taktische Ideen und Anweisungen kurz besprochen werden und die Spieler die Chance haben, sich einzuwerfen. Danach sollen die Spieler essen und wenn möglich nochmal schlafen oder zumindest etwas runterfahren. Einige kommen dann zusätzlich zur Behandlung. Etwa 2,5 Stunden vor Spielbeginn kommen die Spieler wieder in die Halle, teilweise auch nochmal für kurze Behandlungen."
Gibt es Rituale oder feste Gewohnheiten innerhalb des Teams, die gerade in den Play-offs besonders wichtig werden?
Deshalb entstehen im Team oft ganz einfache Routinen. Unsere Spieler verbringen die freie Zeit z.B. gemeinsam mit Kartenspielen. Das hilft vielen, zwischendurch auch mal abzuschalten und den Kopf etwas runterzufahren. Denn in den Play-offs geht es nicht nur darum, körperlich zu regenerieren, sondern auch mental, um den Fokus auf den Siegeswillen nicht zu verlieren.
Auch etwas „Aberglaube“ ist immer dabei. Ein Spieler bekommt von seiner Ehefrau sogar immer das gleiche „Spieltagessen“, sogar auch bei den Auswärtsspielen. „Never change a winning team“!"
Wie schafft man es als Medical Team, in emotionalen Hochphasen trotzdem ruhig und konzentriert zu bleiben?
"Das ist eine sehr gute Frage. Wahrscheinlich liegt das einfach auch am Beruf, dass man als Physio immer ausgleichend und vor allem in solchen stressigen Situationen der Ruhepol sein sollte."
Was fasziniert dich nach 20 Jahren Telekom Baskets Bonn noch immer an genau dieser Play-off-Zeit?
"Die Play-offs, darauf hat man das ganze Jahr hingearbeitet und jetzt möchte man alles ernten, was man gesät hat. Man spielt um die Deutsche Meisterschaft. Jeder Ballbesitz zählt. Die Fans geben dann nochmal den letzten Push. Das spürt man deutlich, diese emotionale Atmosphäre auf und neben dem Platz. In der ganzen Stadt sieht man Banner und Fans in magenta Farben. Das spürt man überall. Das ist die Welt, die ich liebe."
Wenn du Amateurspielern oder Nachwuchsathleten einen einzigen Tipp für intensive Saisonphasen geben könntest - welcher wäre das?
"“Train hard and recover harder” und vergiss nicht, für Schlaf und Ernährung gibt es keine Abkürzungen. Dann wirst auch du Spaß und Erfolg in diesem tollen Spiel haben."